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17.03.2009: GESUND OHNE PILLEN

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Ein Kommentar von Rainer Lüdtke

Simon Singh ist ein Physiker, der es versteht, komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge leicht und verständlich auch Laien zugänglich zu machen, insbesondere verzückt seine Art, wissenschaftliche Gedanken um kleine Anekdoten zu bereichern. Ich zum Beispiel bin von seinen Büchern Fermats letzter Satz und Geheime Botschaften begeistert.

Edzard Ernst ist Mediziner mit einer Professur für Komplementärmedizin in Exeter (GB), dessen Hauptverdienst es ist, immer wieder wissenschaftliche Prinzipien aus der evidenzbasierten Medizin auch für die Komplementärmedizin einzufordern. Auch Herrn Ernst habe ich als glänzenden Rhetoriker kennengelernt, der mit Witz und Esprit über schwer zu verdauende Kost sprach.

Also habe ich mich darauf gefreut, als im vorigen Jahr das Buch Trick or Treatment angekündigt wurde, ein gemeinsames Buch von Simon Singh und Edzard Ernst, ein Buch, das nun in der deutschen Übersetzung unter dem Titel Gesund ohne Pillen erschienen ist. Und tatsächlich, liest sich das Buch (die englische und die deutsche Version) leicht und locker, die Anzahl der vergnüglichen Anekdoten ist erstaunlich.

Inhaltlich ist das Buch dagegen eher enttäuschend. Zum einen, weil es neben Anekdoten und Bonmots nichts Neues bringt. Alle Einschätzungen und Bewertungen, ob und welche komplementärmedizinische Therapie denn nun nach wissenschaftlichen Kriterien als wirksam erklärt oder Scharlatanerie entlarvt werden kann, hat man schon in den bisherigen Büchern von Edzard Ernst gelesen, z.B. im Desktop Guide to Complementary and Alternative Medicine (deutsch: Praxis Naturheilverfahren – Evidenzbasierte Komplementärmedizin), oder das von der Stiftung Warentest herausgegebene Die andere Medizin (hier wird er nicht als Autor sondern als verantwortlicher Mediziner und Forscher geführt). Mit anderen Worten, das neue Buch ist im Wesentlichen nur der dritte oder vierte Aufguss bereits bekannter Positionen, nur eben etwas vergnüglicher zu lesen.

Was in diesem Buch vor allem negativ auffällt ist die mangelnde Fähigkeit der Autoren, sich selbst kritisch zu hinterfragen, eine Eigenschaft, die doch gerade Wissenschaftlern zu eigen sein sollte. Es fehlen die kritischen Worte zur evidenzbasierten Medizin, ein Konzept, das sich in der konventionellen Medizin durchgesetzt hat, aber weder dort unwidersprochen geblieben ist (so sprach zum Beispiel kürzlich Sir Michael D. Rawlins, der Vorsitzende des Nationalen Instituts für Gesundheit und klinische Exzellenz in Großbritannien, davon dass „die Ansicht, dass sich Evidenz in Hierarchien gießen ließe illusorisch ist. Hierarchien stellen die randomisierte Therapiestudie auf einen unverdienten Sockel [...], obwohl diese Technik nicht nur Vorteile sondern auch Nachteile hat. Ebenso haben reine Beobachtungsstudien Fehler, aber eben auch Vorzüge.“) noch in der restriktiven Form, in der Edzard Ernst sie anwendet, von den Erfindern gedacht wurde.

Zudem ist wissenschaftlich derzeit sehr umstritten, ob sich bestimmte Techniken der evidenzbasierten Medizin (z.B. Verwendung von Indizes, in denen nur doppelt verblindete Studien eine hohe methodische Qualität zugesprochen bekommen, oder die Schätzung allgemeiner Therapieeffekte aus Meta-Analysen hochheterogene Studien) auf die Bedürfnisse der Komplementärmedizin übertragen lassen. Hier hätte man den beiden Autoren also ein wenig mehr Demut gewünscht.

Nichts ist so alt wie die Nachricht von gestern, sagen Zeitungsleute, und für die Wissenschaft gilt Ähnliches. Hier vor allem deswegen, weil neue Erkenntnisse neue Schlussfolgerungen nahe legen. Nun basiert die deutsche Ausgabe des Buches auf der schon vor einem Jahr publizierten englischen Ausgabe, dementsprechend sind natürlich auch die wissenschaftlichen Ergebnisse schon bei Drucklegung veraltet.

Dieses wird besonders am Beispiel der Blutegel deutlich: Schon 2008 galt Singhs und Ernsts Satz nicht mehr, dass es lediglich aus einer deutschen Forschergruppe Studien gibt, die die Wirksamkeit der Blutegeltherapie bei Arthrose untersuchen. 2009 stimmt dieser Satz schon gar nicht, mittlerweile ist die eingeforderte unabhängige Wiederholung der Ergebnisse erfolgt, von den Autoren nicht bemerkt bzw. nicht redigiert.

Ähnliches gilt für die Alexander-Technik: 2008 fand eine methodisch hochwertige Studie deutliche Effekte, die für eine Wirksamkeit der Therapie bei Rückenschmerzen sprechen.

Oder Akupunktur: 2009 zeigte eine von der von Singh und Ernst so gepriesene Cochrane-Collaboration publizierte Übersichtsarbeit, dass eine „echte“ Akupunktur bei Spannungskopfschmerzen geringe, aber statistisch signifikante Effekte im Vergleich zu einer Scheinakupunktur hat. Dieses lässt die bei Singh und Ernst immer wieder durchscheinende Grundhypothese (wenn auch in dieser Allgemeinheit nicht explizit formuliert), dass Akupunktur eine reine Placebotherapie sei, in einem neuen Licht erscheinen. Auch deswegen, weil vor kurzem eine amerikanische Arbeitsgruppe zeigte, dass selbst bei gleich großen klinischen Effekten (d.h. Schmerzlinderungen) die Verarbeitung der Signale im Gehirn bei „echter“ und „Sham“ Akupunktur sehr unterschiedlich sind.

Ärgerlich auch: Edzard Ernst (bzw. beide Autoren, aber ich vermute, dass an dieser Stelle Herr Ernst federführend war) hat die klare Tendenz, eigene Forschungsergebnisse in diesem Buch besonders herauszustellen, die Ergebnisse anderer dagegen eher zu ignorieren. Wenn er z.B. Meta-Analysen zur Homöopathie zitiert, dann belegt er seine Meinung mit einer Analyse aus seiner eigenen Arbeitsgruppe (z.B. zu Migräne und Kopfschmerz), und verzichtet darauf, die positiven Gegenbeispiele zu benennen (z.B. zu kindlicher Diarrhoe).

Ähnlich bei einer Übersichtsarbeit zur homöopathischer Arnica montana: zitiert wird die Schlussfolgerung aus Ernsts Analyse von 1998, die umfassendere und neuere Arbeit aus dem Jahr 2005 bleibt unerwähnt (was mich als den Hauptautor dieser neueren Studie natürlich besonders ärgert). An mangelndem Selbstbewusstsein gebricht es Herrn Ernst jedenfalls nicht. Bislang wurde die Erfindung von Teleskopnadeln, die in der Akupunkturforschung als Kontrollsystem gegenüber wirklich die Haut durchdringenden Nadeln eingesetzt werden, den Forschern K. Streitberger und J. Park zugeschrieben, nach denen die jeweiligen Nadeln auch benannt sind. Herr Ernst reklamiert die Grundidee nun für sich, nicht ohne sich dabei als „starken Kopf” (in der englischen Version: “great mind“) darzustellen.

In den Überschriften zu den einzelnen Kapiteln versprechen Simon Singh und Edzard Ernst die „Wahrheit über“ Homöopathie, Akupunktur, Chiropraktik und pflanzliche Medizin. Dieser etwas vermessene Ansatz ist nach meiner Meinung gescheitert. Nicht nur weil es so etwas wie Wahrheit in diesem Zusammenhang wohl gar nicht gibt, sondern auch weil das gesamte Buch gar nicht darauf abzielt, sich der Wahrheit zu nähern. Hier werden Vorurteile bedient, gehegt und gepflegt, und da ist es dann auch opportun, sich über mehrere Seiten darüber auszulassen, dass die Ergebnisse eines Wissenschaftlers (J. Benveniste) von einem Zauberer nicht reproduzierbar waren (Achtung: ich polemisiere). Singh und Ernst haben sich eine Meinung gebildet, die für nahezu alle komplementärmedizinischen Verfahren lautet: Scharlatanerie. Das kann man so tun, sie haben gute Gründe dafür. Aber es gibt auch viele Argumente, die dieser Meinung entgegenstehen. Das Buch daher als das definitive Buch zur Alternativmedizin herauszustellen, wie es der englische Klappentext verspricht, ist albern.

Und so bleibt eine ernüchternde Erkenntnis: letztendlich lohnt sich die Lektüre dieses Buches nicht wirklich. Ich hoffe, die von mir begeistert gelesenen Bücher von Simon Singh sind nicht ähnlich vorurteilsbehaftet wie Gesund ohne Pillen. Wenn nicht, dann lege ich Ihnen die Bücher ans Herz.


Rainer Lüdtke

(Rainer Lüdtke vertritt bei der Carstens-Stiftung das Referat Biometrie in der Komplementärmedizin. Er ist von Hause aus Statistiker der Medizin und hat an zahlreichen klinischen Studien mitgearbeitet.)

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