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Dr. Veronica Carstens Gedanken über NATUR UND MEDIZIN und die Karl und Veronica Carstens-Stiftung:
"Als wir in schwindelnder Höhe über den Himalaja flogen und in die eisigen Schluchten zwischen spitzen, feindlichen Bergzacken unter uns schauten, fing alles an. „Wenn wir da eine Bauchlandung machen, würde uns nie einer finden, noch weniger uns retten können“, sagte der eine von uns. Dann - nach langer Pause – „Wir sollten eigentlich bald mal unser Testament machen“, meinte der andere. Mein Mann und ich waren unterwegs nach Peking auf einem der zahlreichen Staatsbesuche, die jeder Bundespräsident absolvieren muss und hatten endlich viel Zeit für ein langes Gespräch. Es ging dabei um die Frage: „Wer soll uns beerben?"
Suche nach Anerkennung
Da wir selber leider keine Kinder hatten, war die Antwort nicht einfach - gerade deshalb aber wiederum auch sehr einfach. Denn nötig hatte keiner der nächsten und übernächsten Generation unsere Erbschaft. Nun war der Stein ins Rollen gekommen und am Ende entschieden wir uns - übrigens auf Anregung meines Mannes – für eine Stiftung zur Förderung der Naturheilkunde. Seine Begründung lautete: „Du bedauerst doch so oft, dass die Naturheilkunde von der Schulmedizin nicht anerkannt wird, weil sie bisher nicht den Beweis ihrer Wirksamkeit erbringen konnte. Deshalb könnten wir verfügen, dass mit unserem Nachlass der Anfang gemacht wird und zwei bis drei Studien für entsprechende Forschung durchgeführt werden.“
Ein Wunder
In der Folgezeit trat dann etwas ein, was ich im Rückblick wie ein Wunder ansehe. Üblicherweise wird die Frau des jeweiligen Bundespräsidenten immer wieder um Interviews gebeten. Da bekannt war, dass ich mich für Naturheilkunde interessiere und diese auch neben der Schulmedizin in meiner eigenen Praxis anwende, kam das Gespräch wie von selbst auch auf dieses Thema. Mehrfach erwähnte ich etwas resigniert, dass wir wenigstens für die Zeit nach unserem Tod vorgesorgt und Forschung in dem erwähnten Sinne angestoßen hätten.
Briefflut
Es dauerte nicht lange, und eine Flut von Briefen überschüttete mich. Alle hatten denselben Inhalt: Man wollte mir helfen, mich unterstützen und Mitglied der Stiftung werden. Da dies aber bei Stiftungen nicht möglich ist, gründeten wir eine so genannte Fördergemeinschaft, die bis heute existiert und jetzt den Namen „NATUR UND MEDIZIN“ trägt. Was in den folgenden 20 Jahren durch die Unterstützung unserer Mitglieder geleistet werden konnte, möchte ich kurz skizzieren.
NATUR UND MEDIZIN
NATUR UND MEDIZIN, die Fördergemeinschaft der Carstens-Stiftung, hat heute 36.000 Mitglieder. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 36,- Euro pro Jahr. Die Zeitschrift NATUR UND MEDIZIN, die jedes Mitglied sechsmal im Jahr erhält, wird mindestens von 100.000 Menschen gelesen (von anderen Familienmitgliedern, den Nachbarn, den Freunden und Kollegen). An Spenden sind insgesamt mehr als 30 Millionen Euro überwiesen worden. Jährlich beantworteten wir inzwischen etwa 6.000 Anfragen.
Diese Arbeit tat ich besonders gern, weil sie nach und nach eine engere Verbindung zu unseren Mitgliedern herstellte, und ich auf diese Weise erfahren konnte, wo der Schuh am meisten drückte.
Ein- bis zweimal pro Monat hielt ich Vorträge zum Thema Gesundheit, Naturheilkunde und Homöopathie. Zunächst nur in den alten Bundesländern, später auch in den neuen.
Die Carstens-Stiftung
Die Tätigkeit der Carstens-Stiftung war eine ganz andere. Sie war zuständig für Forschung, Lehre und Integrationsbemühungen in die Schulmedizin. Die Ausgaben für Fördermaßnahmen betrugen rund 20 Millionen Euro, die die Stiftung von den Beiträgen und Spenden unserer Mitglieder erhielt.
Sie wurden verwendet für Forschungsprojekte, Stipendien (meist für Dissertationen) und studentische Arbeitskreise. Diese hatten sich an fast allen deutschen Hochschulen gebildet, weil die Studenten frühzeitig spürten, dass eine einseitig auf Schulmedizin ausgerichtete Ausbildung den Erwartungen der zukünftigen Patienten nicht entsprechen würde. Bis zum Staatsexamen hatten sie ein großes Wissen von Homöopathie und Naturheilkunde angesammelt, das mich als homöopathische Ärztin und Internistin mit Bewunderung erfüllte.
Ärzte von Morgen
Einmal im Jahr luden wir die Leiter dieser Arbeitskreise zum Erfahrungsaustausch ein, zusammen mit den besten Lehrern auf dem Gebiet der Homöopathie. Viele Jahre wählte man den einsamsten Ort Deutschlands, in der Lüneburger Heide, das kleine Dorf Wilsede. Hier in größter Stille erholten sich die Studenten von der anstrengenden Arbeit und tauschten pädagogische und sachliche Fragen aus. Ich habe selten in meinem Leben eine solch engagierte Gruppe junger Leute beisammen gesehen. Ich werde das nie vergessen. Als Eigenprojekt der Stiftung kam schließlich der KVC Verlag hinzu. Hier werden die Ergebnisse aus den Forschungsprojekten, die geförderten Dissertationen und internationale Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Naturheilkunde und Homöopathie veröffentlicht.
Modellprojekte
Eines der erfreulichsten Ergebnisse der Arbeit der Carstens-Stiftung waren die Anfragen verschiedener Universitäten, ob wir ihnen beim Aufbau von naturheilkundlichen und homöopathischen Einrichtungen in ihren Ambulanzen oder im stationären Bereich fachlich und finanziell helfen könnten. Es entstand in Heidelberg die Ambulanz in der Frauenklinik, in Freiburg die Ambulanz in der Inneren Medizin und die Ambulanz für Umwelt-Medizin, in Hofheim im Taunus (zugehörig zur medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt) die Ambulanz für Psychiatrie und in Jena die naturheilkundliche Ambulanz der Onkologischen Klinik, das erste Projekt dieser Art in Europa, wahrscheinlich weltweit. Das Modellprojekt Kinderheilkunde in München, das sich sowohl im stationären wie auch im ambulanten Bereich außerordentlich bewährte, war lange Jahre einer unserer Förderschwerpunkte.
Ein erfülltes Leben
Ich möchte noch einmal zurückkommen auf die Ausgangslage: damals eine gewisse Resignation, weil der Wunsch nach der Familiengründung in unserem Leben unerfüllt geblieben war. Daraus ergab sich, mehr im Unterbewusstsein verankert, das Anliegen, dennoch ein Zeichen zu setzen, um andere Weichen für die Zukunft zu stellen, nämlich für ein Miteinander von Schulmedizin und Naturheilkunde. Dieser Wunsch hat sich heute durch eine ebenso unerwartete wie überwältigende Unterstützung der Bürger erfüllt. Das Credo des großen Wiener Psychologen Viktor Frankl lautete: „Der Mensch ist nicht auf Glück, sondern auf Sinn angelegt.“ In meinem Fall war die Mitarbeit an der Verwirklichung einer zukunftsweisenden Idee nicht nur Sinn meines Lebens geworden, sondern auch ein großes Glück."
Veronica Carstens, Essen, 2007