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Faktencheck zur Radiosendung „Streit um die Homöopathie"
Faktencheck

Faktencheck zur Radiosendung „Streit um die Homöopathie“

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Faktencheck Homöopathie Krankenversicherung

Es diskutierten Dr. Norbert Aust, Betreiber eines Anti-Homöopathie-Blogs, Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Redakteur beim von der "Skeptikerbewegung" finanzierten Portal www.medwatch.de, und Dr. Jens Behnke, Referent für Homöopathie in Forschung und Lehre bei der Carstens-Stiftung.

Richtig ist: Es existieren über 200 randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien zur Homöopathie. Diese dokumentieren mehrheitlich Vorteile in der Homöopathiegruppe gegenüber der Placebokontrolle. Dies gilt auch für die methodisch hochwertigen Arbeiten. Dementsprechend konstatieren auch Übersichtsarbeiten (Meta-Analysen) solcher Studien regelmäßig die statistisch signifikante Überlegenheit potenzierter Präparate über Placebo, auch in der Gruppe der jeweils zuverlässigsten klinischen Prüfungen. Kein Unterschied zwischen Homöopathie und Placebo ist nur dann erkennbar, wenn mindestens 90% der verfügbaren Daten aufgrund wissenschaftlich nicht nachvollziehbarer Kriterien von der Auswertung ausgeschlossen werden. Die beständige Wiederholung der Behauptung von den fehlenden Belegen einer Wirkung der Homöopathie über Placeboeffekte hinaus macht sie nicht wahrer.

Während der Sendung konnten Hörer anrufen, um mitzudiskutieren. Die meisten Anrufer sprachen sich deutlich für eine Integrative Medizin aus, die konventionelle Therapieansätze, Homöopathie und andere Verfahren miteinander verbindet. Vertreten war das gesamte Spektrum von Patienten, über Fachärzte mit Zusatzqualifikation bis hin zu Heilpraktikern. Die beim NDR abgegebenen Stimmen dürften repräsentativ für die millionenfachen guten Erfahrungen stehen, die Anwender der Homöopathie immer wieder machen. Die regelmäßig stattfindenden Umfragen renommierter Meinungsforschungsinstitute belegen stets aufs Neue das Interesse einer breiten Mehrheit der Bevölkerung an einem Miteinander verschiedener Therapieansätze. Zuletzt sprachen sich in einer Befragung, die von Kantar TNS in 2018 durchgeführt wurde, 75% der Deutschen für eine Integrative Medizin unter Einschluss der Homöopathie aus.

Umfrage: Die Deutschen wollen Integrative Medizin

Bereits vor diesem Hintergrund erscheinen die von Aust und Feldwisch-Drentrup vorgetragenen Forderungen nach einer Abschaffung der Erstattung homöopathischer Therapieangebote durch die Krankenkassen, einer Ächtung durch die Universitäten etc. als diametral den Wünschen der Mehrheit der Bundesbürger entgegengesetzt. Selbst wenn die Behauptung der fehlenden wissenschaftlichen Evidenz für die Homöopathie wahr wäre, entsprächen die hieraus abgeleiteten Forderungen ihrer Kritiker nicht den Grundideen der Evidenzbasierten Medizin. Diese sieht nämlich vor, dass neben den Daten aus klinischen Studien, erstens die Präferenz des Patienten und zweitens das Urteil des Behandlers bei der therapeutischen Entscheidungsfindung in Anschlag zu bringen sind. Link

Ein einzelner Erfahrungsbericht über Heilerfolge hat in der Tat wenig wissenschaftliche Aussagekraft. Aber Millionen von Menschen rund um die Welt unter Hinweis auf (fehlende) Studien jegliche Urteilskraft dafür abzusprechen, welchen Einfluss Homöopathie auf ihren Gesundheitszustand beziehungsweise den ihrer Patienten hat, erscheint borniert und letztlich unwissenschaftlich. Während der Radiosendung berichtete beispielsweise ein gestandener Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit einer Zusatzqualifikation in Homöopathie, eine reine Placebowirkung sei für ihn unter anderem deswegen ausgeschlossen, weil er in Fällen von Pseudokrupp-Anfällen immer wieder beobachten könne, dass die Gabe eines passenden homöopathischen Mittels den kleinen Patienten schneller helfe als Kortisonzäpfchen. Letztere halte er im Übrigen selbstverständlich als Reservetherapie immer vorrätig. Irrt denn dieser Mann völlig, und mit ihm Dreiviertel der Bevölkerung? Haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass die Wirkung von Homöopathie lediglich auf Placeboeffekten beruht, wie Norbert Aust und Hinnerk Feldwisch-Drentrup behaupten?

Nein, denn die Daten aus der Homöopathieforschung widersprechen nicht den Erfahrungen der Anwender, sie bestätigen sie vielmehr: Bereits in der ersten Übersichtsarbeit placebokontrollierter Studien zur Homöopathie aus dem Jahre 1991 stellten die Autoren fest: "Insgesamt zeigten von den 105 Studien mit interpretierbaren Ergebnissen 81 positive Ergebnisse[.]" Link 

Aber laut Herrn Aust verhält es sich so, dass nur methodisch schlechte Studien Effekte der Homöopathie über Placebo beobachten. Stimmt das? Nein, denn die Forscher stellen ebenfalls fest: "Die Ergebnisse zeigen unabhängig von der Qualität der Studie oder der verwendeten Art von Homöopathie einen positiven Trend. Die Menge an Beweisen, selbst unter den besten Studien, kam für uns überraschend." Link

Beide Befunde gelten bis heute: In der letzten einschlägigen Übersichtsarbeit placebokontrollierter Studien zur individualisierten Homöopathie aus dem Jahre 2014, Link 

die sich in der Qualitätsbewertung an den Vorgaben der renommierten Cochrane-Collaboration orientiert, konstatieren die Autoren im Durchschnitt aller analysierten Studien signifikante Effekte potenzierter Arzneimittel über Placebo hinaus. In der Gruppe der Studien, die als besonders zuverlässig eingestuft wurden, war der Effekt sogar größer als der Durchschnitt, der über alle Qualitätsstufen hinweg gemessen wurde.

Streit um Homöopathie: Odds Ratio

Wie lässt sich angesichts dieser Daten die Behauptung von Norbert Aust und Hinnerk Feldwisch-Drentrup aufrechterhalten, es gäbe keine Studien, die Effekte der Homöopathie über Placebo hinaus belegten? Überhaupt nicht. Außer man nimmt seine Zuflucht zu Argumenten nach dem Muster des stets als Kronzeugen gegen die Homöopathie angeführten Prof. em. Edzard Ernst: Eine Übersichtsarbeit placebokontrollierter Homöopathiestudien aus 1997 hatte seinerzeit festgestellt:

Die Ergebnisse unserer Meta-Analyse sind nicht mit der Hypothese vereinbar, dass die klinischen Wirkungen der Homöopathie vollständig auf Placebo zurückzuführen sind.

Ernst behauptete nun in einer Reanalyse der Daten, dass nur die methodisch minderwertigen Arbeiten Effekte über Placebo hätten beobachten können. Zur Beurteilung der Qualität legte er die Jadad-Skala zugrunde, ein 5-Punkte-Schema, bei dem gilt "Je mehr Punkte, desto besser". Ernsts These lautete, dass bei den Studien, die 5 Punkte erreichten, kein Effekt mehr beobachtbar wäre. Tatsächlich ergab die Analyse der Daten aber wiederum, dass in den guten Studien nicht nur ein Effekt vorhanden war, dieser war sogar größer als derjenige in den Studien von mäßiger Qualität, die 3 oder 4 Punkte erzielt hatten:

Abbildung Jadad Score

Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/
Erläuterung: Gerade = These von Edzard Ernst: Kein Effekt bei 5 Punkten; Quadrate = Wirkliche Daten

 

Dieser Befund machte Edzard Ernst gar nicht verlegen: Der Professor emeritus behauptete nun tatsächlich, wenn die Daten seine Hypothese, dass die guten Studien keine Effekte der Homöopathie dokumentierten, nicht bestätigen, dann handele es sich eben um Betrug: "Die Tatasche, dass das durchschnittliche Ergebnis der 10 Studien, welche 5 Punkte auf der Jadad-Skala erreichen, dieser Annahme widerspricht, befindet sich im Einklang mit der Hypothese, dass einige höchst überzeugte Homöopathen Ergebnisse veröffentlicht haben, die bestechend aussehen, tatsächlich aber unglaubwürdig sind." Link

Dazu kann man dann auf wissenschaftlicher Argumentationsebene tatsächlich nichts mehr sagen. Ansonsten ist die Behauptung von Norbert Aust und Hinnerk Feldwisch-Drentrup in der NDR Redezeit, klinische Studien hätten gezeigt, dass die Effekte der Homöopathie restlos auf Placebowirkungen zurückzuführen seien, in Anbetracht der Forschungsbefunde schlicht und ergreifend sachwidrig.

Dr. Jens Behnke, Karl und Veronica Carstens-Stiftung
Dr. phil. Jens Behnke

Dr. Jens Behnke ist Programmleiter für Integrative Medizin bei der Karl und Veronica Carstens-Stiftung. Zu seinen Aufgaben gehören die Konzeption von Forschungsstrategien im Bereich klinische Forschung und Grundlagenforschung zu Naturheilkunde und Homöopathie sowie die Begutachtung entsprechender Projektanträge. Herr Behnke verantwortet außerdem die Pflege und Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Datenbanken zur Homöopathieforschung, CORE-Hom und HomBRex. Im Bereich Nachwuchsförderung obliegen ihm die Betreuung der studentischen Arbeitskreise für Integrative Medizin sowie der korrespondierenden Wahlpflichtfächer im Rahmen des Medizinstudiums. Hinzu kommt eine umfangreiche Vortragstätigkeit für Studierende, Ärzte und Wissenschaftler. Jens Behnke ist Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie (WissHom) und dort zuständig für Wissenschaftskommunikation und Pressearbeit. Er ist als Ansprechpartner für diverse Medien etabliert, wenn es um Fragen der Forschung zu Naturheilkunde und Homöopathie geht.