Naturheilkunde
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René Descartes – oder wie wir dem Burnout vorbeugen können

René Descartes – oder wie wir dem Burnout vorbeugen können

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Psychische Gesundheit

Totale Erschöpfung, völliges Ausgebrannt sein – das so genannte Burnout ist zu einem Volksleiden geworden. Der Psychotherapeut Dr. Thomas Polednitschek sieht das eigentliche Problem in der heutigen Zeit nicht im „Ausgebranntsein“, sondern im „Ausgetrocknetsein“. Das Burnout konnte nur deshalb zu einem Massenphänomen werden, weil die „Austrocknung“ des Seelenlebens heute zu einem flächendeckenden Ereignis geworden ist. In seinem Text erfahren Sie, wie man Geist und Seele „bewässern“ und so einem Burnout vorbeugen kann.

Was kann der Einzelne tun, um einem Burnout (englisch (to) burn out: „ausbrennen“) vorzubeugen? Es ist die Kunst der Erholung, die dem „Ausgebranntsein“ vorbeugt. Sich erholen zu können, ist heute alles andere als eine Selbstverständlichkeit!

Ausgebrannt – Ausgetrocknet

Philosophieren heißt anders denken. Ich könnte auch sagen: Philosophieren heißt Dinge anders sehen, als dies das allgemeine Meinen oder eben die öffentliche Meinung tut. So werde ich auch hier über das Burnout eine etwas andere Auffassung vertreten, als dies üblicherweise geschieht. Denn ich werde die These stark machen, dass das eigentliche Problem in unseren Tagen nicht das „Ausgebranntsein“ ist, sondern das „Ausgetrocknetsein“. Anders gesagt: Das Burnout konnte in unseren Tagen nur deshalb zu einem Massenphänomen werden, weil die „Austrocknung“ des Seelenlebens heute zu einem flächendeckenden Ereignis geworden ist.

Bei einem Waldbrand wird der Wald ein Raub der Flammen. Bei einem Burnout wird das „Entflammtsein“ ein Raub der Trockenheit des Seelenlebens. Die seelische „Austrocknung“ oder wie ich auch sagen könnte, die „seelische Dehydration“ begünstigt, dass ein Mensch das Opfer eines Burnout wird. Der geniale Nietzsche erfasste eben diesen Zusammenhang zwischen dem „Ausgetrocknetsein“ und dem „Ausgebrannt sein“ schon im 19. Jahrhundert und fand dafür auch noch großartige Sprachbilder. Die dazu passende Stelle steht in seinem „Zarathustra“. Hier heißt es:

Trocken wurden wir Alle; und fällt Feuer auf uns, so stäubten wir der Asche gleich – ja das Feuer selber machten wir müde. Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zurück. Aller Grund will reißen, aber die Tiefe will nicht schlingen! ‚Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte’: so klingt unsere Klage – hinweg über flache Sümpfe. Wahrlich zum Sterben wurden wir schon zu müde; nun wachen wir noch und leben fort – in Grabkammern!’

Nietzsche spricht von dem „ausgetrockneten“ Seelenleben, das unser inneres „Feuer“ zur „Asche“ und „müde“ macht. Das „Einfallstor“ für ein Burnout ist da, wo die Seele kein „Wasser“ mehr bekommt. Darum ist bei einem „Ausgebranntsein“ die alles entscheidende Frage, wie die „ausgetrocknete“ und ausgebrannte“ Seele wieder „Wasser“ bekommt. Eine Frage, die auch für Menschen wichtig ist, die nicht unter einem Burnout leiden. Denn „trocken sind wir alle“, sagt Nietzsche und da hat er zweifellos Recht. In einer autoritären Gesellschaft, in der die Autorität von Tradition und Religion noch wirksam ist, gleichen Menschen Rosensträuchern, die zu stark beschnitten werden. In unseren Tagen, wo Tradition und Religion weitgehend ihre normative Bindewirkung verloren haben, gleichen Menschen eher Pflanzen, die verkümmern, weil einfach kein Regen kommen will. „Wasser“ für Geist und Seele aber ist die Quelle, die Menschen einen neuen Zugang zu sich selber möglich macht.

Erholen oder abschalten

Es gibt in der klinischen Psychopathologie ein wichtiges Alarmsignal für ein beginnendes Burnout, und dieses Alarmsignal ist die Erholungsunfähigkeit. „Erholungsunfähig“ ist, wer nicht mehr in der Lage ist, sich noch vom dem Alltagsstress zu erholen, dem er tagtäglich ausgesetzt ist. „Erholungsunfähig“ ist ein Mensch, wenn er sich nicht mehr von der Arbeitsbelastung erholen kann, die er zu bewältigen hat. Was kann der Einzelne tun, um einem Burnout (englisch (to) burn out: „ausbrennen“) vorzubeugen? Es ist die Kunst der Erholung, die dem „Ausgebranntsein“ vorbeugt. Sich erholen zu können, ist heute alles andere als eine Selbstverständlichkeit! Nicht nur die Blumen, auch unsere Seele benötigt „Wasser“. Man könnte auch sagen: Burnout gefährdet ist, wer die Kunst verlernt hat, sich noch zu erholen. Sich zu erholen gehört für mich zur „ars vivendi“, zur Lebenskunst.

Ohne die Erholung für Geist und Seele keine Entspannung! Ich vertrete hier die These, dass für die Burnout-Prophylaxe das „Abschalten“ zu wenig ist. Wer „abschaltet“ tut nichts für seine Entspannung, sondern er sorgt lediglich dafür, dass er seinen Stress, seine Anspannung nicht mehr mitbekommt. Vielen Zeitgenossen reicht es auch, wenn sie im Urlaub einfach mal eine solche „Auszeit“ haben. Sie wollen im Urlaub einfach nur „abschalten“ und haben gar nicht den Anspruch, sich zu erholen. Das aber ist nicht genug: Die regelmäßige Erholung für Geist und Seele ist unverzichtbar, wenn ich nicht eines Tages „ausgebrannt“ sein will.

Ruhe

Für jeden Menschen kann „Erholung“ etwas ganz anderes heißen. Wichtig ist auch nur, sich selber wieder „einzusammeln“ und dass Geist und Seele wieder zur Ruhe kommen. Ein Satz von dem mittelalterlichen „Großdenker“ Meister Eckhart lautet:

„forderte man mich auf, erschöpfend Auskunft darüber zu geben, worauf der Schöpfer abgezielt habe damit, dass er alle Kreaturen erschuf, so würde ich sagen: auf Ruhe. Fragte man mich dann, was die Heilige Dreifaltigkeit in all ihren Werken insgesamt suche, so würde ich antworten: Ruhe. Stellte man mir eine dritte Frage, was die Seele suche in all ihren Bewegungen, so würde ich sagen: Ruhe. Fragte man mich viertens, was alle Geschöpfe suchen in ihren natürlichen Strebungen und Bewegungen, ich antwortete: Ruhe. (M. Eckhart EW I, S. 636)

Meditation

Seine Ruhe findet wieder, wessen Geist und Seele sich erholt haben. Einen neuen Zugang zu sich zu gewinnen, oder eben sich selber immer wieder „einzusammeln“ und zur inneren Ruhe zu kommen, ist auch das Interesse von Menschen, für die das Meditieren eine Rolle spielt. Die Meditation ist ein Weg von vielen zur Erholung. „Meditieren“ heißt, etwas für die Erholung des Geistes und der Seele zu tun, weil die Meditation die Möglichkeit eröffnet, sich wieder in eine Beziehung zu sich selbst zu setzen. Eben dies hat – wieder einmal – Nietzsche „griffig“ erfasst: Denn in seinem „Zarathustra“ heißt es: „Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?“

Denken – René Descartes

Gehen wir bei dem Philosophen in die Schule, der zweifellos zu den ganz großen Denkern unserer abendländischen Denk-Tradition zählt. Ich spreche von dem „Vater“ der modernen Philosophie, von René Descartes. Es ist René Descartes gewesen, der uns im 17. Jahrhundert, in der „Morgendämmerung“ der Neuzeit und Moderne, zur Meditation einlädt. Seine Einladung steht in seinem Hauptwerk, das den Titel „Meditationen“ trägt. Diese seine „Meditationen“ sind für mich die weiterführendste Antwort, wenn es um die Frage geht, was für die Philosophie „meditieren“ bedeutet. Mit anderen Worten: Ich lese Descartes als Buch zur Burnout-Prophylaxe, weil für mich das Meditieren der „Königsweg“ für die Erholung von Geist und Seele ist!

Wie aber sieht dieser „Königsweg“ aus? Für den „großen“ Descartes ist das Meditieren eine Sache des Denkens. In unseren Tagen aber haben sich das Denken und das Meditieren längst voneinander „entkoppelt“. Ich bin mir sicher, dass die allerwenigsten von Ihnen nicht das Denken mit der Meditation in Verbindung bringen. Doch das Meditieren ist sehr wohl eine Sache des Denkens, genauer: Das Meditieren ist eine Sache des dialogischen Denkens. In seinen „Meditationen“ tritt Descartes in einen Dialog mit sich selbst. So heißt es in Descartes „Dritter Meditation“: „Ich werde, indem ich allein mit mir spreche und tief in mich hineinblicke, versuchen, mich mir selbst nach und nach vertrauter zu machen.“ Aber – was ganz wichtig zu verstehen ist: Das Ich, das hier bei Descartes in eine Beziehung zu sich selber tritt, ist unser aller Ich! Mit anderen Worten: Das Ich der cartesianischen Meditationen ist nicht das individuelle Ich des René Descartes, sondern es ist das Ich, das René Descartes mit allen anderen Menschen gemeinsam hat und das mit seinem Denken auf sich selbst Bezug nehmen kann. Das Burnout-Syndrom ist für mich zu einem Massenphänomen geworden, weil wir vergessen haben, wie wir uns noch in eine Beziehung zu uns selber setzen können.

René Descartes – oder wie wir dem Burnout vorbeugen können
René Descartes – Ausschnitt eines Portraits von Frans Hals

Damit sind wir nun einen entscheidenden Schritt weiter in der Beantwortung der Frage, welches Denken für Descartes das „Seelen-Werkzeug“ der Meditation ist. Es ist eben das Denken, mit dem unser Ich auf sich selbst Bezug nimmt! Es ist das Denken, mit dem wir in eine Beziehung zu uns selber treten. Aber hier lauert gewissermaßen schon wieder die nächste Falle: Denn die Frage ist natürlich, mit welchem Denken treten wir in eine Beziehung zu uns selber? Ist das einfach das Denken, mit dem wir „über uns selbst nachdenken“? Ich bestreite dies.

Für René Descartes ist das Denken ein „SeelenWerkzeug“ der Meditation, das das Ich in eine Beziehung zu sich selber setzen kann, weil Herz und Wille beteiligt sind. Nur für dieses Denken gilt nun der ebenso berühmte wie auch gleichermaßen oft missverstandene Satz des René Descartes, der in seinem Werk „Die Prinzipien der Philosophie“ zu fi nden ist: „Cogito ergo sum.“ „Ich denke, also bin ich.“ Vor ein paar Jahren erhielt ich von einem Freund eine Postkarte zu Weihnachten. Darauf stand zu lesen: „Ich denke – also bin ich hier falsch.“ Mit dieser köstlichen Verballhornung des cartesianischen „ich denke“ will ich Ihnen sagen, dass keinesfalls immer richtig verstanden wurde, was Descartes unter „Denken“ versteht und darum vielleicht nur wenige verstanden haben, wovon bei ihm die Rede ist, wenn er vom „Denken“ spricht. Martin Heidegger kommt in seinen „Nietzsche – Vorlesungen“ auf René Descartes zu sprechen, und er hebt hier besonders hervor, dass das Denken für Descartes dem lateinischen „percipere“ entspricht. Für diesen Begriff findet man drei Bedeutungen: erfassen, begreifen, wahrnehmen. Mit anderen Worten: Für René Descartes ist das Denken ein Wahrnehmungsorgan. Das Ich kann bei Descartes mit seinem Denken etwas wahrnehmen, erfassen und begreifen, weil bei der Erkenntnis der Denkinhalte nicht nur der Verstand, sondern Herz und Wille mitbeteiligt sind.

Die Meditation ist für René Descartes eine Sache des dialogischen Denkens – und es ist eine Sache des inspirierenden Denkens, das das Ich auf sich selbst beziehen kann. Unser Problem ist heute, dass wir oft nur noch ein Wissen haben, das uns informiert, nicht aber mehr den Weg zu der Quelle kennen, die uns inspiriert. Es ist aber eben diese Quelle, die uns wach und lebendig macht! Und so erkennt man das inspirierende Denken, das eben auch eine Möglichkeit ist, Geist und Seele Erholung zu verschaff en, daran, dass wir durch dieses Denken wacher und lebendiger werden als wir zuvor waren. Dieses Denken ist eben gerade nicht ein Grübeln über Gott und die Welt, sondern eröff net neue Perspektiven.

„Wasser“ für die Seele ist für Descartes das inspirierte Denken als Quelle unserer Lebensfreude, und anfällig für ein Burnout ist im Anschluss an Descartes, wer nur noch gut informiert, nicht aber mehr inspiriert durch’s Leben geht. Das eigentliche Problem ist für mich deshalb die Verödung und Versteppung oder die Verwüstung des Seelenlebens. Ich bezweifle, ehrlich gesagt, dass die „seelische Dehydration“ nur ein Thema der Psychotherapie und Bewegungstherapie in einer Burnout-Klinik ist. Für die Vorbeugung und die Heilung eines Burnout ist für mich mindestens ebenso die meditative Praxis wichtig, deren Form und Gestalt bei jedem Menschen unterschiedlich ist. Es gibt viele „Meditationstechniken“, die Menschen eine neue Beziehung zu sich selber möglich machen. Entscheidend ist allein, dass Geist und Seele sich erholen.

Die Kunst der Erholung beherrscht, wer immer wieder die Quelle „anzapfen“ kann, die Geist und Seele „zu trinken“ gibt. Diese Kunst der Erholung ist eine Sache der bewussten Lebensführung oder eben unserer Lebenskunst.

[Der Artikel »René Descartes – oder wie wir dem Burnout vorbeugen können« ist Teil eines Vortrages, den Dr. Thomas Polednitschek 2012 auf einem Gesundheitstag in Hof für Natur und Medizin e.V. gehalten hat.]

Dr. Thomas Polednitschek
Dr. Thomas Polednitschek

Seit 1984 praktiziert Thomas Polednitschek als Psychotherapeut. 1999 erhielt er seine Approbation zum "Psychologischen Psychotherapeuten". Er war als Supervisor und vielfach in der Seminararbeit tätig, hielt Vorträge und veröffentlicht Beiträge in Büchern und Zeitschriften. Seit Frühjahr 2000 absolvierte er eine Lehrpraxis für die Ausbildung zum Philosophischen Praktiker bei Gerd B. Achenbach. Im Anschluss eröffnete er seine Philosophische Praxis in Münster. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Schnittstelle von psychologischer und philosophischer Praxis. Im Januar 2010 wurde sein Buch „Meister Eckhart – Philosophisch leben“ veröffentlicht (Herder Verlag, 2010, ISBN: 978-3451323119; 14,95 Euro). Aktuell erschienen ist sein Buch „Der politische Sokrates. Was will Philosophische Praxis?“ (LIT Verlag, 2013, ISBN: 978-3-8258-8689-9; 19,90 Euro). Beide Bücher können Sie über den Buchhandel beziehen.