Was macht uns stark? Wissen aus der Resilienzforschung
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Mentale Gesundheit Depression
In einer Welt, die sich ständig verändert und in der Unsicherheiten zum Alltag gehören, stellt sich eine entscheidende Frage: Wie schaffen es manche Menschen, trotz schwerer Krisen standhaft zu bleiben, während andere daran zerbrechen? Die Antwort liegt in einem faszinierenden biopsychischen Schutzschild – der Resilienz. Resilienz ist die Fähigkeit, aus Herausforderungen zu lernen, Rückschläge zu verkraften und gestärkt daraus hervorzugehen. Sie ist keine angeborene Eigenschaft, sondern ein dynamischer Prozess, der in jedem von uns entwickelt und gefördert werden kann. Doch was genau ist Resilienz? Wie entsteht sie – und kann man sie trainieren? Im Folgenden werfen wir einen genaueren Blick darauf, was resiliente Menschen auszeichnet und warum diese innere Stärke in unserer heutigen Zeit so entscheidend ist.
Resilienz ist nicht angeboren, sondern ein dynamischer Prozess, bei dem biologische und soziale Faktoren eng ineinander greifen. Dazu gehören Verstehen, Bewältigbar- oder Handhabbarkeit und auch emotionale Sinnhaftigkeit. Resiliente Menschen können ihre Ressourcen, ihre innere Kraft nutzen, um Herausforderungen zu begegnen. Sie stellen fest, dass sie Einfluss auf ihre Gesundheit haben. Gesundheit ist in diesem Zusammenhang mehr als die bloße Abwesenheit von Symptomen.
Josef ist ein super Arzt geworden. Das war ihm nicht in die Wiege gelegt, denn in seiner Familie gab es keine Akademiker und sein Vater, aus kleinbäuerlichem Hintergrund, wollte nicht einmal, dass er das Gymnasium beendet. Als er seiner Lehrerin sagte, dass er abgehen müsse, ließ die alles stehen und liegen, auch ihren eigenen Sohn, der hungrig und leise maulend auf sie wartete. „Das ist jetzt wichtig für den Josef!“ sagte sie und begann, diesen nach den familiären Hintergründen zu befragen.
Sein Leben lang wird Josef, der sich dann – mit Hilfe der Lehrerin – doch gegen seinen Vater durchsetzte und Anästhesist wurde, diesen Moment nicht vergessen. Dass sie in dieser Mittagspause das eigene Kind zurückgesetzt hatte, um sich ganz ihm zu widmen. Dass sie seine Sorgen für wichtig genug gehalten hatte. Dass er wichtig genug war.
Gesehen zu werden, einen Unterschied machen zu können, ist das, was uns Kraft gibt und Stärke verleiht. „Mattering“ nennt das die Psychologie seit den 80er Jahren. Im Unterschied zum Selbstwertgefühl, dass aus dem Inneren kommt, entsteht dieses Empfinden erst in der sozialen Beziehung zu anderen Menschen, durch eine Resonanz auf das eigene Sein.
Josef ist heute Palliativarzt, und ein großer Teil seiner Tätigkeit besteht darin, den Patienten und ihren Angehörigen zu vermitteln, dass sie stärker sind als die Krankheit – auch wenn sie ihr Leiden zum Tode führen wird. Dass sie mehr zählen als die Symptome, die er versucht zu lindern. Dass jeder Moment ihres Lebens wichtig ist, hier und jetzt.
Gesundheit hat zum Beispiel auch etwas mit Würde zu tun. Oder mit Humor. Etwas, das sich konstant durch unser Leben zieht. Nicht das Vermeiden von Stress oder Schmerzen ist das Entscheidende, denn das schaffen wir oft nicht, sondern der konstruktive Umgang damit. „Ich habe gelernt, wieder in Würde zu sitzen“, sagte eine unserer onkologischen Patientinnen lächelnd mit Verweis auf ihre Meditationserfahrung. Obwohl sie wusste, dass ihre Lebensspanne bereits begrenzt war.
Der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923 – 1994) war einer der ersten Wissenschaftler, die sich mit dem Ursprung der Gesundheit auseinandersetzten. Er untersuchte in den 60er Jahren in Israel Frauen auf ihre Anpassungsprobleme an die Wechseljahre. Rein vom Alter her waren viele dieser Frauen Überlebende des Holocaust, was in seinem Anamnesebogen eine eher beiläufige Frage war. Doch es war nicht zu übersehen, dass ein Teil der Patientinnen mit den lebensbedrohenden und entwürdigenden Umständen der Konzentrationslager weit besser zurechtgekommen waren als andere. „Den absolut unvorstellbaren Horror des Lagers durchgestanden zu haben, danach weiterhin jahrelang eine deplatzierte Person gewesen zu sein, sich ein neues Leben in einem Land neu aufgebaut zu haben und dennoch in einem angemessenen Gesundheitszustand zu sein“, das interessierte den Soziologen. Er entwickelte daraus die Salutogenese – ein Forschungsmodell für die Frage nicht, was uns krank, sondern was uns gesund macht.
Was macht uns gesund?
Die in Deutschland geborene amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner (1929 – 2017) stellte auf der hawaiianischen Insel Kauai ein ähnliches Phänomen fest: Von 700 Kindern erwiesen sich rund ein Drittel als besonders widerstandsfähig gegenüber den negativen Einflüssen gegenüber biologischen oder auch sozialen Risikofaktoren wie Unterernährung oder Vernachlässigung. Ihre Arbeit markierte in den 70er Jahren gemeinsam mit anderen den Beginn der Resilienzforschung.
Biologische und soziale Faktoren greifen eng ineinander, wenn es um die innere Stärke und gleichzeitig Flexibilität geht, mit Belastungen umzugehen. Antonovsky machte drei wesentliche Dimensionen als Basis fest: das Verstehen (verstehen heißt dabei nicht akzeptieren, sondern meint wirklich nur den kognitiven Teil des Begreifens, was um einen herum passiert). Wichtig ist auch die Bewältigbar- oder Handhabbarkeit: Auch wenn es an ihrer Gesamtlage nicht viel änderte, konnte es die Frauen im KZ stärken, wenn sie solidarisch ein Stück Brot teilten. Oder: Wer lernt, mit Schmerzen umzugehen, empfindet sie als weit weniger stark. Der dritte Punkt ist schließlich die emotionale Sinnhaftigkeit. Sie wurde erst durch den österreichischen Psychiater Viktor Frankl (1905 – 1997) weit über die Medizin hinaus berühmt: „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ ist sein Bericht aus dem Konzentrationslager, der bereits 1946 erschien.
„Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“, ist ein berühmtes Zitat von Frankl, und er setzte Liebe und Zuwendung, aber auch wissenschaftliche Arbeit an die Stelle des Horrors des KZs, den er nicht nur selbst erlebt hatte, sondern in dem er auch Frau und Familie verloren hatte. Und er beschrieb etwas, das alle kennen, die sich mit Mediation beschäftigen:
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.
Die extremen Erfahrungen des Holocaust waren ein wichtiger Anstoß zur Resilienzforschung. Heute liegt deren Fokus, in großer Nähe zur Stressforschung, auf der Prävention oder auch der Bewältigung von Krankheiten – durch die Stärkung der eigenen Ressourcen und damit der Entwicklung von Resilienz. Das ist auch das Ziel der Mind-Body-Medizin. Sie vermittelt generelles Wissen über wichtige Bausteine eines gesunden Lebensstils (wie etwa im „Tempel der Gesundheit“ – mit den Säulen Bewegung, Entspannung, Atmung, Ernährung, Selbsthilfe). In den Dimensionen der Information, Motivation und Training als Basis der therapeutischen Mind-Body-Arbeit findet sich das Modell der Salutogenese (Verstehen, Sinngebung, Handhabbarkeit wieder.
Wichtig ist dabei die Beachtung des Prozesses. Es nützt nichts, den Betroffenen Modelle und Rezepte aufzudrängen, wie sie eigentlich leben sollten. Es geht stattdessen darum, mit ihnen gemeinsam zu ermitteln, was ihre Ressourcen sind und wie sie bisher damit umgingen bzw. sie künftig nutzen könnten. Ihren individuellen Hintergrund und ihre Motivationslage anzuerkennen, ist entscheidend, denn Resilienz hängt nicht nur von den Personen selbst, sondern auch von ihrer Lebensgeschichte ab. Die Forschung zeigt zum Beispiel immer wieder: Fürsorge und verlässliche Bindung in der Kindheit sind wichtiges Kapital für das gesamte Leben. Das gilt auch für Unterstützung durch die eigene Kultur, soziale Gemeinschaft, Religion, Schule oder Netzwerke. Enge Partnerschaften und Liebe, selbst Zuwendung von Haustieren stärken die Widerstandskräfte.
Raum für Eigensinn
Die „inneren“ Ressourcen von Patienten verstehen und nutzbar machen
Die „inneren“ Ressourcen von Patienten verstehen und nutzbar machen
ISBN: 978-3-86864-006-9
Erscheinungsjahr: 2011
19,80 EUR
Zum Shop »Natürlich kann man auch Teil einer Gemeinschaft sein und sich trotzdem isoliert und allein oder unbeachtet fühlen. In schweren Fällen oder bei besonders vulnerablen Personen kann das zu Krankheit, Suizid oder auch kriminellem oder unsozialen Verhalten führen. Manche Experten sehen zwar in den sozialen Medien eine neue Möglichkeit, Isolation zu überwinden. Doch Klicks und „Views“ sind kein wirklicher Ersatz für das Gefühl, gesehen zu werden, und „Likes“ stehen ebenso wenig für tiefe Anerkennung. Wirklich wirkungsvoll ist echte Wertschätzung, das oben erwähnte „Mattering“. Studien zufolge senkt es das Burn-Out-Risiko und schützt vor Depressionen.
Wertschätzung kann man lernen. Das fängt mit einem selbst an. In der Mind-Body-Medizin sprechen Patientinnen und Patienten – häufig in der Gruppe – über das, was sie umtreibt, was sie bedrückt und was ihnen Mut macht. Sie lernen voneinander, Lösungen für Herausforderungen zu finden und sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Sie entdecken, dass ohne Akzeptanz keine Veränderung möglich ist, zum Beispiel, wenn sie aus dem Kreis ihrer negativen Gedanken nicht ausbrechen. Die Opferrolle hinter sich zu lassen ist gar nicht so einfach, denn das bedeutet auch, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Hier setzt schließlich die Selbstregulation durch naturheilkundliche und Mind-Body-medizinische Strategien an, die an den Evangelischen Kliniken Essen als „Mind Body Medicine in Integrative Complementary Medicine“ (MICOM) praktiziert wird. Die Patientinnen und Patienten machen Erfahrungen mit Akupunktur und feuchtkalten Wickeln, mit Yoga und Qigong, mit Atemübungen, Fasten und Achtsamkeit. Sie stellen fest, wie das ihren Körper verändert und sie lernen, wie sie Einfluss auf ihn nehmen können, DASS sie Einfluss auf ihn haben – Selbstfürsorge und Selbstwirksamkeit sind wichtige Aspekte der Resilienz.
Zuversicht als Ziel – hilft uns das auch, die neue Unsicherheit auf dieser Welt zu bewältigen, die hungernden Kinder in Gaza, die Bomben auf Kiev, die Klimakatastrophen? Wichtig ist die Erkenntnis, dass Krisen trotz allen Leids und aller Zerstörung immer auch Chancen für Neues, für Umgestaltung sind. Resilienz bedeutet nicht, dass wir unbeschadet durchs Leben gehen. „Äußere Krisen“, so Viktor Frankl, „bedeuten die große Chance, sich zu besinnen.“








