Naturheilkunde
Zum Hauptinhalt springen Zum Seiten-Footer springen
Interview: Aktiv-Wach-Hypnose bei Restless-Legs-Syndrom
Interview: Aktiv-Wach-Hypnose bei Restless-Legs-Syndrom

„Die Methode kann den Betroffenen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit vermitteln.“

Von

Veröffentlicht am
Integrative Medizin Schlaf

Zur Linderung der Symptomatik beim Restless-Legs-Syndrom werden dringend nicht-medikamentöse Verfahren benötigt. Die Carstens-Stiftung und der RLS e.V. fördern daher gemeinsam eine Studie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin: Dr. Julia Siewert und ihr Team prüfen, ob Aktiv-Wach-Hypnose die Symptomschwere von RLS-PatientInnen reduziert. Idealerweise wird so ein niederschwelliges, kostengünstiges Therapieangebot geschaffen, mit denen Betroffene selbstwirksam Lebensqualität zurückgewinnen. Wir haben mit Dr. Julia Siewert und dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Restless Legs Vereinigung Joachim Paulus über die Krankheit, Therapieoptionen und die Bedeutung des geförderten Projekts gesprochen.

Was genau steckt hinter der Bezeichnung „Restless-Legs-Syndrom“?

Dr. Julia Siewert: Das „Restless-Legs-Syndrom“ beschreibt eine neurologische Erkrankung, bei der die Betroffenen einen unangenehmen Drang verspüren, ihre Beine zu bewegen. Viele Menschen berichten von manchmal schmerzhaftem Kribbeln, Ziehen, Brennen oder innerer Unruhe in den Beinen. Diese Missempfindungen treten typischerweise im Sitzen oder Liegen auf und sind abends und nachts besonders belastend, wenn man eigentlich entspannen möchte. Bewegt man die Beine wird es oft besser. Doch sobald man sich wieder hinsetzt oder ins Bett legt, kommen die Beschwerden zurück.

Es handelt sich um eine behandlungsbedürftige Erkrankung, die den Schlaf und die Lebensqualität stark beeinträchtigen kann.

Gibt es eine konkrete Ursache der Erkrankung?

Dr. Julia Siewert: Die genaue Ursache des Restless-Legs-Syndroms ist bislang nicht vollständig geklärt. Es handelt sich um eine multifaktorielle Erkrankung, bei der verschiedene biologische, genetische und umweltbedingte Faktoren eine Rolle spielen. Eine zentrale Rolle scheint der Eisenstoffwechsel zu spielen. Auch Störungen im Dopaminhaushalt werden mit der Erkrankung in Verbindung gebracht.

Ist die Erkrankung behandelbar?

Dr. Julia Siewert: RLS ist eine chronische Erkrankung. Je nach Ausprägung helfen Lebensstiländerungen, Eisenpräparate oder spezielle Medikamente, die den Dopamin-Stoffwechsel beeinflussen. Ziel ist es, die Lebensqualität der Betroffenen deutlich zu verbessern. Auch komplementärmedizinische Methoden finden hier eine wichtige Anwendung.

Wer ist von der Erkrankung häufig betroffen?

Dr. Julia Siewert: Frauen sind häufiger betroffen als Männer, besonders in der Schwangerschaft oder mit zunehmendem Alter. Die Erkrankung kann aber auch schon in der Kindheit oder Jugend beginnen, vor allem bei familiärer Vorbelastung. Die Anzahl der Krankheitsfälle steigt mit dem Alter an. Am häufigsten betroffen sind Menschen ab dem mittleren Lebensalter

Wie kann ich testen, ob ich erkrankt bin?

Dr. Julia Siewert: Es gibt keinen einfachen Labortest, die Diagnose wird anhand typischer Fragen und der Erhebung spezifischer Kriterien durch einen Facharzt gestellt. Hierzu gehören:

  1. Bewegungsdrang in den Beinen meist mit unangenehmen Empfindungen,
  2. Verschlechterung in Ruhe,
  3. Besserung durch Bewegung,
  4. Auftreten oder Verstärkung der Symptome abends oder nachts.

Wenn diese Kriterien erfüllt sind, spricht vieles für RLS. Zur genaueren Abklärung sollten Betroffene einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen, idealerweise mit Erfahrung in Schlaf- oder Bewegungsstörungen. Manchmal sind zusätzliche Blutuntersuchungen (z. B. Eisenstatus) oder eine Polysomnografie (d.h. eine Schlaflaboruntersuchung) sinnvoll.

Gesundheitstipp

Es gibt einen Beurteilungsbogen zum RLS mit einer internationalen Schweregrad- Skala („International RLS Severity Scale“). Eine vereinfachte Version findet sich auf der Website der RLS-Vereinigung unter: RLS Selbsttest | RLS e. V. - Deutsche Restless Legs Vereinigung

Welche Therapieformen gibt es?

Dr. Julia Siewert: Die Behandlung des Restless-Legs-Syndroms (RLS) richtet sich nach dem Schweregrad der Symptome und individuellen Begleiterkrankungen. Grundsätzlich steht am Anfang der Therapie immer die Klärung möglicher auslösender Faktoren.

Medikamentös stehen Dopaminagonisten (z. B. Pramipexol, Rotigotin) oder Gabapentinoide (Gabapentin, Pregabalin) zur Verfügung. Opioide können als Reservemedikation bei Therapieversagen oder Augmentation (eine durch Behandlung verursachte Verschlechterung der Symptome) unter Dopaminagonisten eingesetzt werden. Levodopa sollte nur kurzfristig und nicht dauerhaft angewendet werden, da es mit einem hohen Risiko für Augmentation verbunden ist.

Komplementärmedizinisch werden zunehmend nichtmedikamentöse Verfahren begleitend eingesetzt. Wissenschaftliche Hinweise für eine Wirksamkeit gibt es unter anderem für:

  • Bewegungstherapie, z. B. leichtes Ausdauertraining oder Yoga
  • Infrarotlichttherapie
  • Transkutane spinale Gleichstromstimulation (tsDCS), ein neuromodulatorisches Verfahren

Weitere Verfahren werden gerade wissenschaftlich untersucht: Akupunktur, Phytotherapie, pneumatische Kompression oder Kryotherapie (Kältetherapie), aber auch Hydrotherapie, Akupressur und Aktiv-Wach-Hypnose.
Insgesamt sollte jede Therapie individuell auf den Patienten abgestimmt sein, mit möglichst geringer medikamentöser Belastung und unter Berücksichtigung aller körperlichen und psychosozialen Einflussfaktoren.

Interview: Aktiv-Wach-Hypnose bei Restless-Legs-Syndrom

Herr Paulus, warum fördern Sie gemeinsam mit der Carstens-Stiftung die Studie?

Dr. Joachim Paulus: Da die Ursachen des RLS noch nicht geklärt sind, die Symptome aber die Lebensqualität der Betroffenen zum Teil massiv beeinträchtigen (bis hin zu Depressionen und Selbstmordgedanken) und auch die Medikamente vielfach nicht wirken oder Nebenwirkungen haben, suchen die Betroffenen nach allen möglichen Hilfsmitteln. Dementsprechend hat sich ein Markt gebildet, in dem unzählige Produkte oder Behandlungen angeboten werden. Dazu zählen zum Beispiel:

  • eine spezielle Form der Physiotherapie
  • Spezielle Bettdecken
  • Spezielle Matratzen
  • Akupunktur
  • Elektrische Geräte
  • Spezielle Vitamin- oder homöopathische Präparate

Die Kosten für diese Behandlungs-Angebote müssen die Betroffenen in der Regel selbst tragen, die Versicherungen geben keine Erstattung. Der Erfolg ist in den meisten Fällen zweifelhaft. Vor diesem Hintergrund messen wir der HypnoRest-Studie große Bedeutung bei und haben uns zu einer Förderung entschlossen. Wir hoffen, dass die Studie in relativ kurzer Zeit Erkenntnisse dazu bringt, ob und wie das untersuchte Verfahren den Betroffenen Linderung ihrer Beschwerden verschafft. Sollte dies der Fall sein, ergäben sich zwei große Vorteile: zum einen handelt es sich um ein nicht-medikamentöses Verfahren, zum anderen kann die Methode von den Betroffenen (nach entsprechender Schulung) selbständig angewendet werden.

Warum erforschen Sie ausgerechnet die Hypnose als Therapie bei RLS?

Dr. Julia Siewert: Die Aktiv-Wach-Hypnose ist eine besondere Form der Hypnose, die sich gezielt bei Patientinnen und Patienten mit Restless-Legs-Syndrom einsetzen lässt, um körperliche und psychische Prozesse positiv zu beeinflussen. Dabei wird der natürliche Bewegungsdrang genutzt, um einen Trancezustand herbeizuführen. In diesem Zustand kann gezielt an einer Stressreduktion und an der veränderten Wahrnehmung und Bewertung von Symptomen gearbeitet werden.

Es ist bekannt, dass Schmerzreize unter Hypnose im Gehirn anders verarbeitet werden. Vergleichbare Effekte erhoffen wir uns auch im Zusammenhang mit den Beschwerden des Restless-Legs-Syndroms. Die Methode ist erlernbar und kann den Betroffenen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit vermitteln. Da viele Patientinnen und Patienten ein großes Interesse an komplementärmedizinischen Verfahren zeigen, ist es umso wichtiger, solche Ansätze wissenschaftlich fundiert und mit hoher methodischer Qualität zu untersuchen.

Suchen Sie noch Probanden? Wo kann man sich melden?

Dr. Julia Siewert: Ja, wir haben gerade mit der Aufnahme von Patientinnen und Patienten begonnen. Die Therapie findet in Berlin statt. Wenn für Sie eine Teilnahme vor Ort möglich ist, können Sie sich gerne bei uns melden:

Telefon: 030 – 450 529 147

E-Mail: hypnorest@charite.LÖSCHEN.de

Wo bekommen die Betroffenen Hilfe?

Dr. Joachim Paulus: Es gibt die RLS.eV. Deutsche Restless Legs Vereinigung mit Sitz in München. Die Vereinigung ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein mit einem ehrenamtlich tätigen Vorstand und einer professionellen Geschäftsstelle. Sie ist eine Selbsthilfe-Organisation mit rund 3.500 Mitglieder sowie 75 regionalen und 6 Online-Selbsthilfegruppen in Deutschland, die von erfahrenen, ehrenamtlich tätigen Selbsthilfegruppenleiterinnen und- leitern geführt werden. Ziel der Vereinigung ist primär, durch seriöse, aktuelle und wissenschaftlich fundierte Informationen die Betroffenen und deren Angehörige zu beraten, Ihnen Hilfe anzubieten, einen Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen zu vermitteln. Daneben arbeitet die Vereinigung eng mit anderen europäischen Selbsthilfevereinigungen zusammen. Darüber hinaus spielt die Öffentlichkeitsarbeit eine große Rolle, um ein stärkeres Bewusstsein und eine größere Aufmerksamkeit für das RLS zu schaffen. Schließlich fördert die Vereinigung wissenschaftliche Projekte zum RLS mit erheblichen Beträgen.

Was genau macht die Restless-Legs-Vereinigung?

Dr. Joachim Paulus: Die RLS-Vereinigung ist nicht nur Ansprechpartner für die Mitglieder der Vereinigung, sondern auch für Betroffene, Ärzte, Wissenschaftler, Krankenkassen und sonstige Interessierte. Einige Beispiele:

  • Die Vereinigung organisiert Informationsabende, Vortragsveranstaltungen, Webinare;
  • sie ist präsent auf fachärztlichen Kongressen und Patiententagen, um die Kenntnisse und den Bekanntheitsgrad vom RLS zu fördern;
  • sie gibt eine Vielzahl von Flyern und Broschüren zu unterschiedlichen Aspekten des RLS heraus, für die Mitglieder kostenlos;
  • sie ist aktiv auf Social Media (Facebook, Instagram, YouTube);
  • sie hat eine höchst informative Website: www.restless-legs.org;
  • und nicht zuletzt: Sie wird unterstützt von einem Beirat, der aus international renommierten Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen besteht, die gewährleisten, dass die Informationen der Vereinigung richtig, aktuell und von hoher Qualität sind.
  • Mitglieder erhalten eine Zeitschrift, die zweimal jährlich erscheint und aktuelle Informationen zu der Krankheit, zum Stand der Forschung, zu neuen Behandlungsmethoden und zu den Aktivitäten der Vereinigung enthält.
  • Außerdem steht den Mitgliedern jeden Mittwoch über eine Hotline ein auf RLS spezialisierter Arzt zur Verfügung, der zu allen Aspekten des RLS berät.

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass eine Mitgliedschaft in unserer Vereinigung höchst sinnvoll ist. Für 50 € im Jahr erhalten unsere Mitglieder wertvolle Informationen zum RLS, die ihnen und ihren Angehörigen helfen, mit der Krankheit umzugehen; darüber hinaus unterstützen sie mit ihrem Beitrag die Forschung zum RLS; und schließlich ermöglichen sie es unserer Vereinigung, die Krankheit in der Öffentlichkeit auf allen Ebenen stärker bekannt zu machen und zu erklären.

Gerne stellen wir zusätzliche Informationen zur Verfügung: Rufen Sie unsere Geschäftsstelle unter 089/550 288 80 an oder senden Sie uns eine E-Mail an info@restless-legs.LÖSCHEN.org.

Hinweis: Das Interview „Aktiv-Wach-Hypnose bei Restless-Legs-Syndrom“ mit Dr. Julia Siewert und Dr. Joachim Paulus ist ursprünglich in unserer Mitgliederzeitschrift (04/2025) erschienen.

Weitere Artikel zum Thema

Schlafstörungen naturheilkundlich und ganzheitlich behandeln

Schlafstörungen naturheilkundlich und ganzheitlich behandeln

Guter Schlaf verleiht uns Energie und ist daher für unser Wohlbefinden unverzichtbar. Schlafstörungen haben jedoch immens zugenommen: Etwa ein Drittel der Bevölkerung klagt über Ein- und Durchschlafstörungen. Naturheilkundliche Maßnahmen können helfen, wieder zu einer erholsamen Schlafroutine zu…

weiterlesen
Stressbewältigung durch Achtsamkeit

Stressbewältigung durch Achtsamkeit

Aufzeichnung des Online-Vortrags vom 25.09.2024.

Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit ganz bewusst auf das Erleben in diesem Moment zu richten und dabei offen und interessiert wahrzunehmen, was um uns und mit uns passiert, ohne direkt darauf zu reagieren. Diese Art der Aufmerksamkeit führt…

weiterlesen
„Es einen Moment so sein zu lassen, wie es ist.“

„Es einen Moment so sein zu lassen, wie es ist.“

Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit ganz bewusst auf das Erleben in diesem Moment zu richten und dabei offen und interessiert wahrzunehmen, was um uns und mit uns passiert, ohne direkt darauf zu reagieren. Diese Art der Aufmerksamkeit führt dazu, das Leben genau jetzt in seiner ganzen Fülle zu…

weiterlesen
Mann absolviert Atemübung

Atemübung für Einsteiger: Ankommen im Atem

Gesundheitstipp des Monats 11/2023:

Der Atem ist ein kraftvolles Regulationsinstrument, das hilft, besser mit Stress, Krankheiten oder Schmerzen umzugehen.

weiterlesen

Mitglied werden

Werden Sie jetzt Mitglied bei Natur und Medizin e.V. und Teil unserer starken Gemeinschaft für Naturheilkunde und Homöopathie.

mehr erfahren

Mitgliedschaft verschenken

Verschenken Sie eine Mitgliedschaft bei Natur und Medizin e.V. – verschenken Sie ein Stück Gesundheit.

mehr erfahren

Sollten Sie noch Fragen haben, freuen wir uns über Ihren Anruf unter 0201/56305-70

Dr. med. Julia Siewert

Julia Siewert ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Studienkoordinatorin am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Dr. iur. Joachim Paulus

Joachim Paulus ist selbst Betroffener vom Restless-Legs-Syndrom. Seit 2010 ist er Mitglied der Deutschen Restless-Legs-Vereinigung. 2021 wurde er in den Vorstand der Vereinigung gewählt, und seit Mai 2023 ist er als Nachfolger von Lilo Habersack Vorstandsvorsitzender.