Welche Therapieformen gibt es?
Dr. Julia Siewert: Die Behandlung des Restless-Legs-Syndroms (RLS) richtet sich nach dem Schweregrad der Symptome und individuellen Begleiterkrankungen. Grundsätzlich steht am Anfang der Therapie immer die Klärung möglicher auslösender Faktoren.
Medikamentös stehen Dopaminagonisten (z. B. Pramipexol, Rotigotin) oder Gabapentinoide (Gabapentin, Pregabalin) zur Verfügung. Opioide können als Reservemedikation bei Therapieversagen oder Augmentation (eine durch Behandlung verursachte Verschlechterung der Symptome) unter Dopaminagonisten eingesetzt werden. Levodopa sollte nur kurzfristig und nicht dauerhaft angewendet werden, da es mit einem hohen Risiko für Augmentation verbunden ist.
Komplementärmedizinisch werden zunehmend nichtmedikamentöse Verfahren begleitend eingesetzt. Wissenschaftliche Hinweise für eine Wirksamkeit gibt es unter anderem für:
- Bewegungstherapie, z. B. leichtes Ausdauertraining oder Yoga
- Infrarotlichttherapie
- Transkutane spinale Gleichstromstimulation (tsDCS), ein neuromodulatorisches Verfahren
Weitere Verfahren werden gerade wissenschaftlich untersucht: Akupunktur, Phytotherapie, pneumatische Kompression oder Kryotherapie (Kältetherapie), aber auch Hydrotherapie, Akupressur und Aktiv-Wach-Hypnose.
Insgesamt sollte jede Therapie individuell auf den Patienten abgestimmt sein, mit möglichst geringer medikamentöser Belastung und unter Berücksichtigung aller körperlichen und psychosozialen Einflussfaktoren.
Herr Paulus, warum fördern Sie gemeinsam mit der Carstens-Stiftung die Studie?
Dr. Joachim Paulus: Da die Ursachen des RLS noch nicht geklärt sind, die Symptome aber die Lebensqualität der Betroffenen zum Teil massiv beeinträchtigen (bis hin zu Depressionen und Selbstmordgedanken) und auch die Medikamente vielfach nicht wirken oder Nebenwirkungen haben, suchen die Betroffenen nach allen möglichen Hilfsmitteln. Dementsprechend hat sich ein Markt gebildet, in dem unzählige Produkte oder Behandlungen angeboten werden. Dazu zählen zum Beispiel:
- eine spezielle Form der Physiotherapie
- Spezielle Bettdecken
- Spezielle Matratzen
- Akupunktur
- Elektrische Geräte
- Spezielle Vitamin- oder homöopathische Präparate
Die Kosten für diese Behandlungs-Angebote müssen die Betroffenen in der Regel selbst tragen, die Versicherungen geben keine Erstattung. Der Erfolg ist in den meisten Fällen zweifelhaft. Vor diesem Hintergrund messen wir der HypnoRest-Studie große Bedeutung bei und haben uns zu einer Förderung entschlossen. Wir hoffen, dass die Studie in relativ kurzer Zeit Erkenntnisse dazu bringt, ob und wie das untersuchte Verfahren den Betroffenen Linderung ihrer Beschwerden verschafft. Sollte dies der Fall sein, ergäben sich zwei große Vorteile: zum einen handelt es sich um ein nicht-medikamentöses Verfahren, zum anderen kann die Methode von den Betroffenen (nach entsprechender Schulung) selbständig angewendet werden.
ISBN: 978-3-96562-020-9
Erscheinungsjahr: 2020
6,90
EUR
Zum Shop
»
Warum erforschen Sie ausgerechnet die Hypnose als Therapie bei RLS?
Dr. Julia Siewert: Die Aktiv-Wach-Hypnose ist eine besondere Form der Hypnose, die sich gezielt bei Patientinnen und Patienten mit Restless-Legs-Syndrom einsetzen lässt, um körperliche und psychische Prozesse positiv zu beeinflussen. Dabei wird der natürliche Bewegungsdrang genutzt, um einen Trancezustand herbeizuführen. In diesem Zustand kann gezielt an einer Stressreduktion und an der veränderten Wahrnehmung und Bewertung von Symptomen gearbeitet werden.
Es ist bekannt, dass Schmerzreize unter Hypnose im Gehirn anders verarbeitet werden. Vergleichbare Effekte erhoffen wir uns auch im Zusammenhang mit den Beschwerden des Restless-Legs-Syndroms. Die Methode ist erlernbar und kann den Betroffenen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit vermitteln. Da viele Patientinnen und Patienten ein großes Interesse an komplementärmedizinischen Verfahren zeigen, ist es umso wichtiger, solche Ansätze wissenschaftlich fundiert und mit hoher methodischer Qualität zu untersuchen.
Suchen Sie noch Probanden? Wo kann man sich melden?
Dr. Julia Siewert: Ja, wir haben gerade mit der Aufnahme von Patientinnen und Patienten begonnen. Die Therapie findet in Berlin statt. Wenn für Sie eine Teilnahme vor Ort möglich ist, können Sie sich gerne bei uns melden:
Telefon: 030 – 450 529 147
E-Mail: hypnorest@charite.LÖSCHEN.de
Wo bekommen die Betroffenen Hilfe?
Dr. Joachim Paulus: Es gibt die RLS.eV. Deutsche Restless Legs Vereinigung mit Sitz in München. Die Vereinigung ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein mit einem ehrenamtlich tätigen Vorstand und einer professionellen Geschäftsstelle. Sie ist eine Selbsthilfe-Organisation mit rund 3.500 Mitglieder sowie 75 regionalen und 6 Online-Selbsthilfegruppen in Deutschland, die von erfahrenen, ehrenamtlich tätigen Selbsthilfegruppenleiterinnen und- leitern geführt werden. Ziel der Vereinigung ist primär, durch seriöse, aktuelle und wissenschaftlich fundierte Informationen die Betroffenen und deren Angehörige zu beraten, Ihnen Hilfe anzubieten, einen Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen zu vermitteln. Daneben arbeitet die Vereinigung eng mit anderen europäischen Selbsthilfevereinigungen zusammen. Darüber hinaus spielt die Öffentlichkeitsarbeit eine große Rolle, um ein stärkeres Bewusstsein und eine größere Aufmerksamkeit für das RLS zu schaffen. Schließlich fördert die Vereinigung wissenschaftliche Projekte zum RLS mit erheblichen Beträgen.
Was genau macht die Restless-Legs-Vereinigung?
Dr. Joachim Paulus: Die RLS-Vereinigung ist nicht nur Ansprechpartner für die Mitglieder der Vereinigung, sondern auch für Betroffene, Ärzte, Wissenschaftler, Krankenkassen und sonstige Interessierte. Einige Beispiele:
- Die Vereinigung organisiert Informationsabende, Vortragsveranstaltungen, Webinare;
- sie ist präsent auf fachärztlichen Kongressen und Patiententagen, um die Kenntnisse und den Bekanntheitsgrad vom RLS zu fördern;
- sie gibt eine Vielzahl von Flyern und Broschüren zu unterschiedlichen Aspekten des RLS heraus, für die Mitglieder kostenlos;
- sie ist aktiv auf Social Media (Facebook, Instagram, YouTube);
- sie hat eine höchst informative Website: www.restless-legs.org;
- und nicht zuletzt: Sie wird unterstützt von einem Beirat, der aus international renommierten Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen besteht, die gewährleisten, dass die Informationen der Vereinigung richtig, aktuell und von hoher Qualität sind.
- Mitglieder erhalten eine Zeitschrift, die zweimal jährlich erscheint und aktuelle Informationen zu der Krankheit, zum Stand der Forschung, zu neuen Behandlungsmethoden und zu den Aktivitäten der Vereinigung enthält.
- Außerdem steht den Mitgliedern jeden Mittwoch über eine Hotline ein auf RLS spezialisierter Arzt zur Verfügung, der zu allen Aspekten des RLS berät.
Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass eine Mitgliedschaft in unserer Vereinigung höchst sinnvoll ist. Für 50 € im Jahr erhalten unsere Mitglieder wertvolle Informationen zum RLS, die ihnen und ihren Angehörigen helfen, mit der Krankheit umzugehen; darüber hinaus unterstützen sie mit ihrem Beitrag die Forschung zum RLS; und schließlich ermöglichen sie es unserer Vereinigung, die Krankheit in der Öffentlichkeit auf allen Ebenen stärker bekannt zu machen und zu erklären.
Gerne stellen wir zusätzliche Informationen zur Verfügung: Rufen Sie unsere Geschäftsstelle unter 089/550 288 80 an oder senden Sie uns eine E-Mail an info@restless-legs.LÖSCHEN.org.
Hinweis: Das Interview „Aktiv-Wach-Hypnose bei Restless-Legs-Syndrom“ mit Dr. Julia Siewert und Dr. Joachim Paulus ist ursprünglich in unserer Mitgliederzeitschrift (04/2025) erschienen.