Naturheilkunde
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Eine Stellungnahme

Neue STIKO-Empfehlung zur COVID-19-Impfung bei Kindern von 5 bis 11 Jahren

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Immunsystem

Welche Empfehlungen gibt die STIKO? Wie lassen sich Nutzen und Risiko der Impfung für Kinder abwägen? Welche Rolle spielt Omicron in den Überlegungen? Eine Stellungnahme von Kinderarzt Dr. Christian Lucae.

Am 17.12.2021 hat die Ständige Impfkommision beim Robert-Koch-Institut (STIKO) ihre Empfehlung für die COVID-19-Impfung bei Kindern von 5 bis 11 Jahren veröffentlicht. Die Europäische Arzneimittelsagentur (EMA) hatte den mRNA-Impfstoff Comirnaty® (Hersteller: BionNTech/Pfizer) bereits am 25.11.2021 mit einer reduzierten Impfstoffdosis (10µg) für diese Altersgruppe freigegeben. Während die EMA lediglich die Marktzulassung erteilt, gibt die STIKO konkrete Empfehlungen und führt eine Nutzen-Risiko-Abwägung durch: Wer sollte geimpft werden? Warum sollte geimpft werden? Wann sollte geimpft werden? Was ist das Impfziel? Aktuell wird die Lage noch zusätzlich verkompliziert aufgrund der offenen Fragen rund um "Omicron": Wie wird sich diese Virusvariante in den nächsten Wochen und Monaten auf die Gesundheit der Kinder in Deutschland auswirken? Wird der aktuell für Kinder zur Verfügung stehende Impfstoff überhaupt noch ausreichend wirksam sein?

Die STIKO empfiehlt nun konkret:

  1. "Kindern im Alter von 5-11 Jahren mit Vorerkrankungen aufgrund des erhöhten Risikos für einen schweren Verlauf der COVID-19- Erkrankung eine Grundimmunisierung mit 2 Impfstoffdosen", außerdem

  2. Kindern, "in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hohem Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf befinden, die selbst nicht geimpft werden können oder bei denen der begründete Verdacht besteht, dass die Impfung nicht zu einem ausreichenden Schutz führt (z. B. Menschen unter immunsuppressiver Therapie)."

  3. Bei "individuellem Wunsch".

Im Nachsatz steht fettgedruckt: "Die STIKO spricht sich erneut und nachdrücklich dagegen aus, dass der Zugang von Kindern und Jugendlichen zur Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens vom Vorliegen einer Impfung abhängig gemacht wird."

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Die wissenschaftliche Begründung

Ein Addendum von 32 Druckseiten (Wissenschaftliche Begründung) ergänzt diese Empfehlung und erläutert sehr detailliert das Krankheitsbild, die Übertragbarkeit des Virus, die Häufigkeit der Erkrankung, die psychosozialen Folgen, schließlich alle vorhandenen Daten zur Impfung selbst samt der zu erwartenden Nebenwirkungen.

Dabei ist wichtig: Welche Vorerkrankungen sind unter Punkt 1 überhaupt gemeint? Hierzu hat die STIKO eine Risikoanalyse der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und weitere Daten herangezogen. Unter anderem werden folgende Diagnosen genannt: Trisomie 21, angeborene Immundefekte, angeborene zyanotische Herzfehler, schwere, chronische Lungenerkrankungen, Adipositas, schlecht eingestellter Diabetes mellitus und weitere, seltene Erkrankungen (eine vollständige Liste aller Vorerkrankungen findet sich auf S. 41 der Wissenschaftlichen Begründung und als Tabelle auf S. 7 der Empfehlung). Zum PIMS-TS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome Temporally associated with SARS-CoV-2) schreibt die STIKO: "Es ist derzeit nicht bekannt, ob PIMS-TS durch die COVID-19-Impfung verhindert werden kann."

Zu den bisher in Deutschland im Krankenhaus wegen COVID-19 behandelten Kindern werden folgende Zahlen aus dem COVID-19-Survey der DGPI genannt: Von 2.114 Kindern befanden sich 15% in der Altersgruppe der 5-11jährigen; 99 Kinder (ca. 5%) wurden intensivmedizinisch betreut.

Zur Zulassungsstudie des Impfstoffherstellers wird angemerkt, dass 2.285 ProbandInnen (1.528 davon in der Impfstoffgruppe, der Rest erhielt Placebo) aufgenommen wurden. Diese Zahl reiche nicht, um "seltene Nebenwirkungen (<1 in 100 bis 200) sicher ausschließen zu können". Zudem sei "die angestrebte Nachbeobachtungszeit von 2 Monaten noch nicht für alle ProbandInnen erreicht" und "Teile des Stu­dienpersonals nicht verblindet" gewesen. Zu einer Aussage über das mögliche Auftreten von Myokarditis und Perikarditis nach der Impfung sei die Datenlage "bisher nicht ausrei­chend". In der Zulassungsstudie seien allerdings keine Myo-/Perikarditiden beobachtet worden.

Zum Punkt 3 der Empfehlung – auf "individuellen Wunsch" – ist zu sagen, dass dies im Grunde für alle zugelassenen Impfstoffe gilt, ob sie nun als Standardimpfungen im Impfkalender genannt sind oder nicht. Mit dieser Formulierung wollte man offenbar der Politik entgegenkommen.

Zum Punkt 3 der Empfehlung – auf "individuellen Wunsch" – ist zu sagen, dass dies im Grunde für alle zugelassenen Impfstoffe gilt, ob sie nun als Standardimpfungen im Impfkalender genannt sind oder nicht.

Zur aktuellen Diskussion

"Das Wohl des Kindes (und des Jugendlichen) muss die Leitschnur sein…", titelt der Kinderarzt und Impfexperte Prof. Zepp in seinem Editorial in der Monatsschrift Kinderheilkunde 11/2021 und schreibt dazu: "Es ist nicht nur das Recht der STIKO, sondern der zentrale Auftrag, alle Daten zur Wirksamkeit und Verträglichkeit sowie Sicherheit einer Impfung – und dies gilt insbesondere für technologisch neuartige Impfungen (z.B. für COVID-19-Impfstoffe auf Basis der mRNA-Technologie), wie der COVID-19-Impfung – zu prüfen". In diesem Zusammenhang sehr zu begrüßen ist beispielsweise die neue Studie PedMYCVAC, die im Rahmen des bestehenden MYKKE-Registers die nach der Impfung vergleichsweise häufig auftretende Myokarditis (Herzmuskelentzündung) genauer untersuchen soll (vgl. dazu Pediatrics, November 2021).

Wie auch schon bei der Zulassung des Impfstoffs für die 12- bis 17-Jährigen ist nun erneut zu beobachten, dass viele Politiker und Funktionäre mit der neuen STIKO-Empfehlung offensichtlich nicht einverstanden sind und wieder gezielt Stimmung machen, um dieses etablierte, aus erfahrenen Fachleuten zusammengesetzte Gremium zu unterlaufen (vgl. dazu die Stellungnahme von Natur und Medizin am 26.7.2021). Außerdem wurde schon vor der Publikation der STIKO-Empfehlung beispielsweise dafür geworben, dass alle Kinder ab sofort im Berliner Zoo geimpft werden könnten oder "Impfbusse" vor Grundschulen positioniert würden (Tagesspiegel, 3.12.2021). Selbst das Offenhalten der Schulen wird bereits mit der Kinderimpfung verknüpft (vgl. die Aussagen der neuen Bildungsministerin: taz, 13.12.2021). Prof. von Kries, Kinderarzt und Mitglied der STIKO, spitzte dies kürzlich in einem Interview in Bezug auf die Impfungen der Jugendlichen mit der Aussage zu, dass "die Jugendlichen bestenfalls vor der Politik und nicht vor Covid geschützt werden" müssen (Berliner Zeitung, 10.11.2021). Alle Fachgremien der Kinder- und Jugendärzte stellen sich weiterhin klar hinter das Votum der STIKO, so auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI).

Alle Fachgremien der Kinder- und Jugendärzte stellen sich weiterhin klar hinter das Votum der STIKO

Somit gibt es – noch ausgeprägter als bisher – eine Aufspaltung der Empfehlungen in 1. eine politische und 2. eine medizinisch-wissenschaftliche Impfempfehlung. Kein Wunder, dass dies zu einer Verunsicherung führt – nachzulesen in diversen Medien, so beispielsweise in der F.A.Z. vom 11.12.2021, S. 4: "Gespaltene Ärzte und verunsicherte Eltern".

Neu ist dieses Phänomen nicht. Schon immer – auch vor "Corona" – gab es rund um das Thema Impfen ein breites Meinungsspektrum sowohl auf Seiten der Kinder- und Jugendmediziner als auch der Eltern. Auf ärztlicher Seite mag es eine Rolle spielen, wie ausgeprägt die Tätigkeit als Impfende(r) Bestandteil des eigenen Selbstverständnisses und Weltbildes ist: Während einige Ärzte sogar bereits vor der Marktzulassung off-label geimpft haben, sind andere zurückhaltender und warten in Ruhe die STIKO-Empfehlung ab. So auch bei den Eltern: Den einen geht es nicht schnell genug, andere wollen ihre eigenen Kinder unter gar keinen Umständen impfen lassen. Erfahrungsgemäß ist die große Mehrheit aber in der Mitte positioniert und wünscht sich eine umfassende Aufklärung und Begründung der Empfehlungen.

Fazit

Naturgemäß spielen immer auch Ängste eine große Rolle: Bei den einen ist die Angst vor Infektion und Erkrankung ihres Kindes sehr ausgeprägt, bei den anderen die Angst vor Nebenwirkungen der Impfung – im Grunde ist die Angst dieselbe, nur aufgrund unterschiedlicher Beweggründe. Dabei ist Angst bekanntlich nie ein guter Ratgeber. All dies muss ernst genommen werden und stellt alle Kinderärztinnen und Kinderärzte weiterhin vor besondere Herausforderungen. Denn auch jetzt gilt wieder: Nach einem individuellen, ärztlichen Beratungsgespräch sollte eine freie Entscheidung der Eltern und ihrer Kinder möglich gemacht werden.

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Dr. med. Christian Lucae
Dr. med. Christian Lucae

Christian Lucae ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Homöopathie und Naturheilverfahren mit Praxis in München. Er ist Mitautor der homöopathischen Sandkasten- und Schülerfibel sowie Autor des Ratgebers Fieberzäpfchen oder Wadenwickel? (erschienen im KVC Verlag) und beratender Arzt von Natur und Medizin e.V.